
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wie viele von Ihnen wohl auch, habe ich in den letzten Tagen mit Sorgen die neuesten Entwicklungen der "Killerspiel"-Debatte verfolgt. Das, was heute in Stuttgart veranstaltet wird, hat definitiv eine neue Qualität, die wir so, was Computer- und Videospiele betrifft, noch nicht erlebt haben. Ohne den Opfern des Amoklaufs zu nahe treten zu wollen, und ohne die aufkeimenden NS-Vergleiche zu übernehmen, halte ich diesen Schritt für bedenklich.
Die Frage ist nun, vor allem nachdem diese Aktion regelmäßig stattfinden soll, wie wir als Akademikerinnen und Akademiker auf dies reagieren können. Ich spreche nicht von übereilten Aktionen, oder Guerilla-Taktiken, sondern einer gebildeten Reaktion, nachdem ja alle Spieler nicht sehr intelligent sind:
"Bündnis-Vorstand Hardy Schober sagte: 'Sie [der VDVC] haben unsere Aktion nicht verstanden. Wir gehen nur gegen Killerspiele vor.' Der Intellekt der Spieler sei nicht sehr hoch." [http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/detail.php/2242007]
Leider will mir bisher noch keine gute Antwort auf diese Aktion einfallen.
Beste Grüße
Sven Schmalfuß
Antworten oder im Stillen reagieren?
Hallo miteinander,
der Bücherverbrennungs-Vergleich kam mir auch gleich in den Sinn, der liegt irgendwie nahe. Ich halte es aber für riskant, diesen dann auch laut zu äußern – nicht, weil er total abwegig wäre, sondern weil er rhetorisch nach hinten losgehen kann (Stichwort "Godwins Gesetz").
Ich finde den Umgang mit solchen Aktionen auch schwierig. Im Grunde hat mal ja nur die Wahl zwischen zwei Alternativen: Reagieren, um den Diskurs sachlicher zu gestalten, den (womöglich beratungsresistenten) Aktivisten damit aber eine Plattform liefern? Oder ignorieren, in der Hoffnung, dass die Wirkung damit verpufft, damit aber wieder – nicht ganz ungerechtfertigt – Kritik an einer abgehobenen und gesellschaftsfernen Wissenschaft riskieren?
Die genannten Aktivisten machen mir einen recht verbissenen, fast aggressiven Eindruck (von wegen "der Intellekt der Spieler sei nicht sehr hoch", weil sie die Aktion nicht verstanden hätten). Will man sich wirklich darauf einlassen und damit vielleicht gar das öffentliche Bild riskieren, eine kalte Wissenschaft stelle sich gegen die leidenden Eltern der Amoklauf-Opfer, anstatt diesen ihre Verarbeitungsprozesse zu gönnen?
Ich frage mich auch, wie ernst die Aktivisten denn überhaupt genommen werden. Die mediale Berichterstattung über Computerspiele ist inzwischen ja immerhin differenzierter als noch vor 5 Jahren. Gibt es irgendwelche Studien zum öffentlichen Meinungsbild zu Computerspielen?
Und politische Spielchen und Sündenbock-Reflexe lassen sich meiner Ansicht nach nicht alleine aus der Wissenschaft verhindern. Dafür fehlt einfach die breitenwirksame Plattform. Der direkte Konter ist meiner Ansicht nach eher Aufgabe der Medien und gegnerischen Politiker. Die Wissenschaft sollte diese dann gezielt mit sachlichem Input versorgen können. Vielleicht liegt ja gerade hier großes Potential: In der Vernetzung zwischen Wissenschaftlern und aufgeschlossenen Politikern.
Viele Grüße
Uli
Gute Antworten auf "Killerspiele"?
Vielleicht müssen wir uns tatsächlich noch intensiver mit den Argumentationen auseinandersetzen, wie Sie u.a. von Prof. Pfeiffer vertreten werden?! In mind. 2 Artikel, die sich in dem Band zu Shootern befinden, der jüngst erschienen ist (und aus der Arbeit der AG Games hervorging!), findet das aber durchaus schon statt. »Killerspiele« – Zum aktuellen Stand der Wirkungsforschung" von Matthias Bopp und "Medienpsychologische Erforschung von Computerspielen – ein Überblick und eine Vertiefung am Beispiel von Ego-Shootern" von Christoph Klimmt, Tilo Hartmann und Peter Vorderer setzten sich explizit auch mit pädagogischen/empirischen/medienpsychologischen Forschungsansätzen, Methoden und Ergebnissen auseinander.
http://www.ag-games.de/content/shooter-band-endlich-erschienen
Wenn die Frage also lautet: Welche Reaktionen können wir aus akademischer Sicht auf vereinfachende Argumentationen und auf zugespitzen Aktionismus gegen "Killerspiele" sinnvoll zu Wege bringen - dann ist es doch zunächst genau das: Argumentieren, Argumente in Schriftform gießen, die öffentliche Diskussion kritisch begleiten. Ich hoffe, der Band zu Shootern wird dazu seinen Beitrag leisten können.
Vielleicht bin ich da zu phantasielos, aber mir fällt kein direkter Weg ein, wie wir mit akademischen Argumenten politische "Spielchen" und "Sündenbock"-Reflexe verhindern können.
Reaktionen
Ich habe dazu ja schon gebloggt: http://www.politikmaschine.de/2009/bucherverbrennung-2-0-die-winnenden...
Neben dem NS-Vergleich halte ich durchaus Vergleiche wie "Hexenjagd" oder "Kreuzzug" für sinnig, wenn man sich Akteure und Hintergrund ansieht. Damit will ich den Betroffenen eine ehrhafte Absicht gar nicht absprechen, sondern eher auf die Aktionsform fokussieren, die sich ja eindeutig an Öffentlichkeit und vor allem Politik richtet. Das ist nicht nur ein medienpädagogisches Problem, sondern vor allem ein kommunikativ-politisches Problem.
Beachtenswert finde ich einerseits die Unterstützung durch das Therapiezentrum (Aktion als Therapie?) sowie die Denkstruktur (Vernichten, was ich für gefährlich finde / Verbot). Gerade im letzteren Punkt sehe ich einen Ansatzpunkt für eine "gebildete Reaktion". Mit anderen Argumenten wird man hier nicht punkten können, weil die Aktionisten gleichzeitig Betroffene sind.
Was mir heute im Gespräch mit dem bayerischen Kultusminister Spaenle wieder klar wurde: Vor allem die Forschungsergebnisse von Prof. Pfeiffer (KFN) müssen verstärkt wissenschaftlich hinterfragt und durchleuchtet werden. Pfeiffer sitzt in den Kabinettssitzungen und erzählt Dinge, die m.E. fahrlässig böse bis vorsätzlich falsch sind.