Hallo Leute,
mich würde mal interessieren, ob sich jemand schon mit der Studie des KFN zur "Computerspielabhängigkeit" befasst hat.
Ich habe mir mal zu Gemüte geführt und habe doch einige Zweifel, was die Valitität der Studie angeht.
Einmal ist der Klassenkontext unter Umständen keiner Befragung dienlich, da doch zu sehr "Klassenmeinung" einfließen können. So weiß ich aus eigener Befragung von Verfälschungen durch "abschreiben" oder "das schreiben, was cool ist".
Dann sind meiner Meinung nach die Items für den Diagnosebogen doch eher fragwürdig!
1. Beispiel:
"Item: Zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Situationen spiele ich eigentlich immer. Das ist fast zu einer Routine für mich geworden."
Problem: Wie werte ich eine solche Aussage? Dieser Aussage kann jemand zustimmen, der immer Freitags von 17-20 Uhr spielt. Ebenso kann dieser Aussage jemand zustimmen, der immer dann spielt, wenn sein bester Kumpel ihn zuhause besucht, also beispielsweise Mittwoch nach dem Fussballtraining von 19-20 Uhr. Ebenso kann dieser Aussage jemand zustimmen, der immer dann spielt, wenn er traurig ist oder jemand, der täglich zwischen 15 und 20 Uhr spielt.
Alle Befragten können mit "stimme voll und ganz zu (IWert 4)" antworten, die Spielnutzung ist aber sehr unterschiedlich!
2. Beispiel:
"Item: Mir wichtige Menschen beschwerden sich, dass ich zu viel Zeit mit Spielen verbringe."
Problem: Wir sind hier bei der Gruppe der Befragten in einer Alterskohorte, die sich mitten in der Pubertät befindet. In diesem
Zusammenhang ist es durchaus "normal", dass sich "wichtige Personen", beispielsweise Eltern über "zu viel" beschweren!
Da gibt es Elterrn, denen ist Computerspielen an sich ein Grauß, andere meckern nach 30 Minuten oder 3 Stunden.
Die Frage ist auch hier, welche Wertung das Item zugestanden bekommt. Reicht es aus, dass hier eine "negative Konsequenz" beschrieben wird? Vielleicht wird ja gerade diese "negative Konsequenz" herausgefordert, und das Computerspiel eignet sich super dafür...mit Fernsehn und Comicheftchen klappt das ja oft nicht mehr...
Der Tatsache, dass es nicht abschließend geklärt ist, ob die Abhängigkeit eine eigene Erkrankung darstellt oder ob es sich
um ein Syntom einer psychischen Erkrankeung handelt (z.B. Depression), setzt die Studie entgegen, dass es keinerlei
Hinweise darauf gibt: "Einer zurückliegende Angststörung oder Depression kommt ebenso wenig eine Erklärungskraft
für die Entstehung von Computerspielabhängigkeit zu wie einer zurückliegenden ADHS-Diagnose (Seite 28)."
Die Frage, die in der Studie offen bleibt, ist, wie sie das gemessen haben. Leider findet sich kein Hinweis darauf. Weiterhin
muss man berücksichtigen, dass es gar nicht "zurückliegend" sein muss, möglichwerweise handelt es sich um eine
aktuelle Depression/Angststörung, die weder diagnostiziert noch behandelt worden ist. Aber das bleibt leider offen!
Mich würden noch andere Meinungen interessieren.
Die Studie ist hier downloadbar:
Liebe Grüße
Michael
Hallo Daniel,
danke für die Rückmeldung!
Grundlage für meine Ausführungen ist die Tabelle 6 (s.21), in der die Werte für die jeweiligen
Aussagen gezeigt werden.
Auch wenn nicht explizit der Fragebogen veröffentlicht wurde, gehe ich doch davon
aus, dass er mit der Tabelle kompartibel sein müsste! Wenn ich dazu die Erläuterungen
lese, müsste das KFN auch irgentwie die pathologische Vorgeschichte abgefragt haben,
es wird aber nicht klar, wie sie das gemacht haben.
Sie schreiben nur:
"Gleichzeitig finden sich in unseren Daten
keine Hinweise dafür, dass Computerspielabhängigkeit lediglich das Symptom einer zugrundeliegenden
psychischen Erkrankung darstellen könnte. Einer in der Vergangenheit gestellten
Depressions‐, Angsterkrankungs‐ oder ADHS‐Diagnose kommt unter Berücksichtigung subklinischer
Merkmale keine Relevanz für die Vorhersage von Computerspielabhängigkeit im Jugendalter zu." (S. 42)
Wie sie darauf kommen, bleibt leider offen.
Eines ist mir noch aufgefallen:
Das Item 1 und das Item 2 aus Tabelle 6, ich habe verschiedene 9 Klässler gefragt, kann kaum unterschieden werden.
Nett, dass du dazu Stellung genommen hast, ich muss nämlich gerade eine Stellungnahme schreiben ;-)
Hallo Michael, ich sehe bei
Hallo Michael,
ich sehe bei deinen zwei Beispiel-Items ähnliche Bedenken. Das Item "Mir wichtige Menschen beschweren sich, dass ich zu viel Zeit mit Spielen verbringe" geht soweit ich das sehe einfach in die Summe für den Faktor "Negative Konsequenzen" ein. Mit einem Schnitt von 1.55 hat es einen für diese Kategorie recht hohen Mittelwert. Eine hohe Standardabweichung hat es zudem auch - möglicherweise wurde es in der Tat unterschiedlich aufgefasst/verstanden. Da wäre es gut zu wissen, wie die Instruktionen dazu aussahen.
Du meinst, dass die Neuntklässler "negative Konsequenzen" im Sinne eines Tabu/Verbotsbruchs gezielt herausfordern? Oder geht es dir darum, dass das Item nicht gut in diese Kategorie zu passen scheint? Ich habe die Studie noch nicht komplett gelesen, aber enthielt der Fragebogen auch ein Fragenset zur Diagnose von Depressionen? Damit könnte man deine letzte Frage möglicherweise beantworten. Ist der komplette Fragebogen irgendwo in einer Form einsehbar?
Viele Grüße,
Daniel