
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
schon seit einiger Zeit treibt mich die Frage um, ob und wie sich in Games auch nationale Identitaet wiederspiegeln kann. Mein Hintergrund ist eine Recherche zu der Frage, wie der Bewahrungsgedanke beim Film aufgekommen ist. Neben einigen interessanten Paralellen ist mir das Argument der "National Heritage" ins Auge gefallen, das vor allem auf staatlicher Seite die Entscheidung beeinflusste, sich fuer den Erhalt von Filmen zu engagieren.
Zusaetzliche Aktualitaet hat der Aspekt des Natinal Heritage in Verbindung mit Games in letzter Zeit durch die Auslobung des Dt. Computerspielpreises bekommen. Im Prinzip wird sich ja dabei auch an das Filmfoerdermodell drangehangen, das ebenfalls das nationale Element zentral als Begruendung benutzt. Hier gleich mal ein, zwei Zitate aus dem Antrag (http://dip.bundestag.de/btd/16/071/1607116.pdf), die auf die nationale (und natuerlich auch europaeische) Bedeutung von Games abheben:
"Computerspiele transportieren gesellschaftliche Abbilder und thematisieren eigene kulturelle Inhalte. Sie werden damit zu einem bedeutenden Bestandteil des kulturellen Lebens unseres Landes und sind prä- gend für unsere Gesellschaft. [...] Die mangelnde Partizipation deutscher Produzenten und Anbieter am Wachs- tumsmarkt hat neben wirtschaftlicher auch kulturelle Bedeutung, da den Pro- dukten aus Asien und den USA ein anderer kultureller Kontext zu Grunde liegt als denen aus Deutschland/Europa. So werden in Deutschland vorwiegend Strategie- oder Sportspiele hergestellt. Daher sollten, aus wirtschaftlichen wie kulturellen Gründen, die Bedingungen für die Entwicklung von interaktiven Unterhaltungsmedien in Deutschland verbessert und interaktive Unterhaltungs- medien mit deutschem/europäischem kulturellem Hintergrund gefördert werden."
Doch was ist die nationale (europaeische) Bedeutungsebene von Games? Bis auf den Hinweis, dass wir hier in Deutschland gerne Strategiespiele spielen findet sich nichts konkretes, obwohl eine konkretere Beantwortung der Frage als Begruendung und Ziel fuer den Preis durchaus relevant waere. Mein Eindruck ist, dass ueber diese Frage im Augenblick eher "drueberhinweg gehudelt" wird, indem man einfach die Film- und Musikmodelle ohne grosses Hinterfragen auf die Games uebertraegt. Doch ist dies, wie wir alle wissen, aufgrund der medienspezifischen Strukturunterschiede nicht ganz so einfach.
Deswegen schlage ich vor, dass wir uns als AG-Games dem Thema einmal annehmen und uns die Frage vorlegen, ob und wie sich nationale/ kulturelle Identitaeten an Games festmachen lassen. Das gesellschaftlich-politisch Umfeld scheint guenstig fuer eine solche Fragestellung zu sein, so dass das Thema meiner Meinung nach auch die Chance fuer die AG birgt, sich in einen groesseren gesellschaftlichen Kontext einzuklinken. Ganz konkret koennte ich mir z.B. vorstellen, dass wir die Diskussion auch anhand von konkreten Spielen fuehren, die jeweils bestimmte kulturelle Aspekte repraesentieren, sei es in gameplay oder story. Ergebnis koennte ein Kanon sein (ein Modell, dass Kollege Lowood bereits 2007 mit grossem Erfolg betrieben hat http://www.nytimes.com/2007/03/12/arts/design/12vide.html?ex=133135200...) aber ich moechte der Diskussion auch nicht vorgreifen. Erstmal interessiert mich, was Ihr von dem Thema haltet und ob Ihr denkt, dass es was fuer die AG-Games ist.
Andreas Lange
Hi Rolf, dank dir fuer dein
Hi Rolf,
dank dir fuer dein positives feedback. in der tat waeren die von dir aufgezaehlten fragen auch meine. wie schauts bei den anderen aus?
weils zum thema passt hier noch gleich der hinweis auf die kuerzlich erfolgte gruendung eines "nationalen videospiele archivs" in england:
http://www.lincolnbeasley.co.uk/pressreleases/2008/oct/02/uks-first-na...
besten gruss,
andreas
Nationalkanon
liebe ag, lieber andreas,
eine interessante frage ist aufgeworfen: die nach der kulturellen identität im/durch spiel. ich finde das nicht uninteressant zu diskutieren. einerseits würde das game als globales gut einer unterhaltungs-industriellen ökonomie sich genau einer solchen konzeptualisierung entziehen, andererseits tendieren mediensysteme bekanntermaßen zur nationalen bezugnahme, und gerade im game gehen wir ja auch ad hoc von unterschiedlichen kulturellen identitäten und resultierenden spiel-commuities aus (asiatische spielkultur, koreanische esport-szene, amerikanische seriousgames aus dem militärbereich vs. dissidente intifada- shooter usf.)
fragen, die sich hier anschließen würden sind meines erachtens:
- gibt es eine nationale spezifik von games JENSEITS der sprache? manifestiert sich diese im narrativ, in der intedierten wirkung, in der ästhetik, in einem spezifischen "look&feel"?
- was ist denn das "deutsche" spiel? ist es gesamtdeutsch, wer schreibt und definiert eine geschichte des spiels in der ddr?
- dekliniert sich ein kanon durch die spiele selbst oder (auch) durch die institutionelle seite? ist insofern "far cry" ein kanonwürdigse spiel (von deutschland in die welt? die fam. yerli als inkarnation global-hybrider produktionsbedingungen? welche rolle spielt till schweiger dabei?) oder nicht viel eher "die siedler" (gartenzwergästhetik, einerseits eine aufbau- & wirtschaftssimulation und dennoch tief druchdrungen von einer nationalen expansionspolitik?)
ich finde es recht interessant an dieser perspektive weiter zu denken...
grüße
rolf nohr